Andere Aufklärung

Gegenwartskünste als eigensinnige Interventionen hegemonialer Sexualdidaktiken

Unhinterfragt erscheint die Notwendigkeit sexueller Aufklärung; ihre durch ästhetische Verfahren präfigurierten und phantasmatisch aufgeladenen Inhalte und Umsetzungen sind jedoch kontingent. Die scheinbar ›natürlichste Sache der Welt‹ entpuppt sich als Knotenpunkt hochpolitischer und ethischer Fragestellungen. In eine historische Folge von Sexualitätsdispositiven die einen »geregelten und polymorphen Anreiz zum Diskurs« (M. Foucault) setzen, in welchem Sexualität klassifizierbarer Effekt von Machtmechanismen wird, reihen sich zeitgenössische Medien der Sexualbildung, die Imperative technologisch vermittelten Könnens und Beherrschens in die sexuelle Entfaltung einspeisen.

Wie erweitert sich der klassische Rahmen dieser Diskurse, wenn Sexualität nicht primär als Frage von Aktivität, biologisch-medizinischem Wissen oder Identitätspolitik beschrieben wird,sondern als aisthetische Sphäre, die Widerfahrnis, Unsicherheit und Verwundbarkeit, aber auch merkwürdig-lustvolle Überschüsse, Verausgabung und einen eben auch ethischen Bezug zum Anderen bedeutet? Wie äußern sich in diversen Vermittlungsverfahren marginalisierte Formen des Intimverhaltens, die sich Dogmatismen und positivistischen Zugängen entziehen und Möglichkeiten neuer, erfinderischer und unerhörter Beziehungen zur Welt denken lassen?

Untersucht werden gegenwärtige Medien der Sexualbildung auf ihre spezifischen ästhetischen und epistemischen Verfahren hin, um ihnen gegenüber Kunstwerke (wie Performances Valie Exports, Annie Sprinkles oder Essayfilme Su Friedrichs) als eigensinnige, gleichsam kontrasexuelle (B. Preciado) Interventionen zwischen Kunstvermittlung und Sexualdidaktik zu rehabilitieren und zu fragen, wie Künste und ästhetische Theorien das Sexuelle als ihr geradezu paradigmatisches Thema ausgewählt haben.

Ziel ist die Rekonstruktion eines Gegen-Archivs passivischer ›ars erotica‹, das minoritäre Dimensionen sexualisierter Sinnlichkeit zu rehabilitieren trachtet und die impliziten Politiken sinnlicher Verhältnisse kritisierbar macht.