Das Beil des Zauberlehrlings

Menschliche Verhaltensweisen in der Begegnung mit Macht und Herrschaft

Goethes Gedicht über den Nachwuchsmagier und sein nasses Missgeschick ist allgemein bekannt: Der Besen, den er zur Arbeit verdammte, wird ihm durch Übererfüllung bedrohlich und er wird der Macht, die er heraufbeschwor, nicht mehr Herr. Am Ende kann nur der alte Magier dem Spuk ein Ende bereiten, doch versucht der Zauberlehrling zuerst, das Problem auf andere Weise zu lösen: »Will dich fassen,/will dich halten/und das alte Holz behende/mit dem scharfen Beile spalten.« Dass der Zauberlehrling in seiner Not zum Beil greift, ist ein Detail, das zu Unrecht oft überlesen wird. Man könnte allerdings auch die These aufstellen, dass darin ein Muster liegt, das menschliches Handeln in Situationen leitet, in denen sie einer Übermacht oder der Herrschaft als solcher begegnen.
Das hier vorgestellte Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel »Niederknien, Zerhacken, Liegenbleiben« will solchen Mustern, Strukturen oder handlungsleitenden mythischen Ordnungseinheiten nachgehen, die alle be- und auf gewisse Weise vorschreiben, welche Optionen Menschen haben, wenn sie Figurationen von Macht begegnen: Sie können ihre Knie beugen, was eine der ältesten Körpertechniken ist, die bereits im Gilgamesch-Epos erwähnt wird, sie können mit Waffengewalt und oft improvisiert in den Kampf gegen die Macht treten, oder sie können einfach unbetroffen in der Sonne liegenbleiben, wie zum Beispiel Diogenes der Kyniker, als er Alexander dem Großen begegnete.

Abbildung: »Beweinung Christi« von Pietro dei Mendicanti. Quelle: Britannica ImageQuest © Mondadori Electa / Learning Pictures / Universal Images Group (Ausschnitt)