Zur Aisthesis ›sauberer‹ Folter

und ihrer (Re-)Konstruktion in den euro-amerikanischen Künsten

So genannte saubere Folter wendet zur Qual ihrer Opfer nicht zeichnende Modi der Gewalt an, sondern fügt physische und psychische Gewalt in einer Weise zu, die sich späteren Rekonstruktionen entziehen will: etwa durch Kälte, laute Musik, langes Stehen, Isolation, Schlafentzug oder »Waterboarding«. Nur eine aisthetisch sensibilisierte Lektüre der juristischen, journalistischen, militärbürokratischen und autobiographischen Dokumente des Global War on Terror kann die Wirkweise sauberer, oder besser: aisthetisierter Folter, mit ihren subtilen Manipulationen von Zeit- und Raumordnungen, Mensch-Tier-Beziehungen, Körper- und Kulturtechniken rekonstruieren – eine wichtige Bedingung, um das Leiden ihrer Opfer in den öffentlichen Diskurs übersetzen und anerkennen zu können.

Diese Rekonstruktion wird gespiegelt durch eine Analyse der spezifischen Epistemologie und Performanz von Inszenierungen spurenarmer Folter in den kontemporären euro-amerikanischen Künsten. Denn der aisthetische Modus moderner Folter begründet eine besondere Erschließungskraft ästhetischer Verfahren ihm gegenüber. Gezeigt werden soll, inwieweit gerade Künste die flüchtige und konspirative Gewalt aisthetisierter Folter (re-)konstruiert und skandalisiert haben und somit nicht bloß als Fiktionen, sondern ebenso als sinnliche Experimente zu verstehen sind. Es ist nachzuzeichnen, wie die Dissemination von Folterszenen öffentliche Diskurse initiiert, unterdrückt oder gerahmt hat; wie sie gerade durch die massenwirksame Fehlrepräsentation von Folterpraktiken an deren impliziten Legitimation oder diskursiven Verunsichtbarung teilgehabt hat, und inwieweit sich tatsächliche Folterpraktiken von ihr haben informieren oder affizieren lassen.

Abbildung: Mohamed Ben Soud/Shoroeiya: Zeichnung einer Holzbox mit den Maßen 90 x 90cm, in welche er in einer US-amerikanischen Black Site gesperrt wurde, © 2012 Mohammed Shoroeiya. Zuerst veröffentlicht in: Human Rights Watch-Report ‚Delivered Into Enemy Hands‘ (2012), Link.