{"id":1093,"date":"2017-03-15T13:10:27","date_gmt":"2017-03-15T12:10:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/?p=1093"},"modified":"2021-01-31T12:33:36","modified_gmt":"2021-01-31T11:33:36","slug":"ringvorlesung-flucht-und-verdraengung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/ringvorlesung-flucht-und-verdraengung\/","title":{"rendered":"Ringvorlesung \u00bbFlucht und Verdr\u00e4ngung\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Eine Anthropologie, die davon ausgeht, dass Menschen sesshaft sein wollen, und eine Identit\u00e4tspolitik, die die Frage, wer wir sind, mit der verkn\u00fcpft, woher wir kommen, m\u00fcssen gegenw\u00e4rtige und vergangene Migrationsbewegungen als Ph\u00e4nomene wahrnehmen, die verbunden sind mit Mangel und Konflikt, Gef\u00e4hrdung und Gefahr. Um hier genauer zu differenzieren, sieht sich die psychoanalytische Kulturwissenschaft vor die Aufgabe gestellt, die unbewussten Aspekte gegenw\u00e4rtiger (politischer und individueller) Fremdheitserfahrungen und ihre historische Genealogie nachzuzeichnen. So kann sie zu einem erweiterten Verst\u00e4ndnis dessen beitragen, was Flucht und Verdr\u00e4ngung heute bedeuten k\u00f6nnen und welche Dynamiken sie entfalten.<\/p>\n<p>donnerstags, 14-t\u00e4gig, 18 bis 20 Uhr c.t.\u00a0Georgenstra\u00dfe 47, 10117 Berlin, Raum 0.07<\/p>\n<p>Veranstaltet in Kooperation zwischen dem Berliner Institut f\u00fcr Psychotherapie und Psychoanalyse e.V. (BIPP) und dem Institut f\u00fcr Kulturwissenschaft der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin<\/p>\n<p>WS 2016\/17<\/p>\n<p>12. Januar 2017 Bernhard Waldenfels \u2013 Fremde im eigenen Haus<\/p>\n<p>Ist der Mensch nicht Herr im eigenen Hause, so betrifft dies auch die Fl\u00fcchtlinge, die uns als G\u00e4ste in Not heimsuchen. Die Fl\u00fcchtlingsfrage ist so alt wie das Gastrecht. Auch \u00d6dipus endet als umherirrender Asylant. Doch mit der Globalisierung vervielf\u00e4ltigt sich der Status des Fl\u00fcchtlings. F\u00fcr eine Ph\u00e4nomenologie des Fremden stellen sich Ankunft und Aufnahme der Schutzsuchenden als ein Doppelereignis dar, das immer wieder neue Antworten hervorruft. Die Gastlichkeit versteht sich nicht von selbst. Feindschaft l\u00e4\u00dft sich verstehen als verdr\u00e4ngte Fremdheit; dann aber st\u00f6\u00dft die Verdr\u00e4ngung nicht blo\u00df auf eigene W\u00fcnsche und \u00c4ngste, sondern ebenso auf fremde Anspr\u00fcche. Levinas und Derrida betonen die Unbedingtheit der Gastfreundschaft. Doch diese verwirklicht sich nur als \u00dcberanspruch, der die vorgegebenen Bedingungen \u00fcbersteigt, in einer responsiven Politik, die in das Bestehende eingreift. Dabei stellen sich Fragen wie: Wer nimmt auf? Wo findet die Aufnahme statt, wie lange dauert sie? Welche Zwischeninstanzen kommen ins Spiel? Wo setzen Therapien an? Welche Perspektiven \u00f6ffnen sich? Was wird den Ankommenden abverlangt? Gibt es nicht auch eine Infantilisierung der Opfer? Es bedarf einer Politik des Fremden, die Eigenes und Fremdes in ein neues Licht r\u00fcckt. \u00bbWir schaffen das\u00ab \u2013 wer sind wir, wer seid ihr?<\/p>\n<p>26. Januar 2017 Mario Erdheim \u2013 Das Fremde in der Adoleszenz<\/p>\n<p>Die Repr\u00e4sentanz des Fremden erf\u00e4hrt im Verlauf der psychischen Entwicklung wichtige Transformationen. Eine davon ist gepr\u00e4gt durch die Adoleszenz: Die Fremdenrepr\u00e4sentanz organisiert die Abl\u00f6sung vom Famili\u00e4ren und die Zuwendung zum Kulturellen.<\/p>\n<p>09. Februar 2017 Burkhard Liebsch \u2013 Politische Verdr\u00e4ngung und Flucht<\/p>\n<p>Nur urspr\u00fcnglich Fremde k\u00f6nnen \u00fcberhaupt \u201azusammen\u2019 leben. Gewalt droht ihnen schon dann \u2012 lange bevor sie sich ggf. dazu gezwungen sehen, anderswo eine Zuflucht zu finden \u2012 wenn sie f\u00fcr ein Zusammenleben den Preis bezahlen sollen, ihre urspr\u00fcngliche Fremdheit zu verdr\u00e4ngen oder zu verleugnen, um auf diese Weise \u201aaufgehoben\u2019 zu werden in einer fragw\u00fcrdigen Familiarit\u00e4t, deren politische Implikationen hier mit Blick auf aktuelle Probleme der Flucht und der Migration bedacht werden.<\/p>\n<p>SS 2017<\/p>\n<p>20. April 2017 R\u00fcdiger Eschmann \u2013Rechtspopulismus \u2013 Zur Psychoanalyse des Postfaktischen<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung tut Not \u00fcber die anthropologische Notwendigkeit von Fremdheit und Gastfreundschaft, von Differenz und Toleranz. Aufkl\u00e4rung tut Not, aber solange sie die Not verdr\u00e4ngt und verleugnet, die der Rechtspopulismus zu beantworten vorgibt, l\u00e4uft sie ins Leere. Dann wird Aufkl\u00e4rung als ein weiteres Repressionsman\u00f6ver der Eliten erlebt und Wissen, Moral und Realit\u00e4tspr\u00fcfung werden ignoriert. Es sind bereitliegende Muster des Unbewussten, die durch sozial\u00f6konomische Faktoren zum Leben erweckt und durch rechte Verf\u00fchrer ausgenutzt werden. Psychoanalytische Hypothesen sollen auf aktuelle sozialwissenschaftliche Befunde bezogen werden.<\/p>\n<p>04. Mai 2017 Inga Anderson \u2013 Trauernde Gemeinschaften?<\/p>\n<p>Trauerrituale und \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen der Trauer k\u00f6nnen Gemeinschaften stiften und stabilisieren. Die Ausdrucksformen der Trauer, ihre Gesten, ihre Rhetorik und ihre Symbole, erweisen sich dabei als reguliert und regulierend. Doch zugleich wird dem Affekt der Trauer ein gemeinschaftssprengendes Potential zugeschrieben, eine Kraft, die sich den Ein- und Ausschl\u00fcssen einer Regierung weder beugen will noch beugen kann. Welche besondere Rolle spielt diese Spannung dort, wo Verluste betrauert werden, die mit Flucht und Migration einhergehen?<\/p>\n<p>19. Mai 2017 (Freitag!) Alain Variier \u2013 Zur Aktualit\u00e4t der Gewalt<\/p>\n<p>Abendvortrag im Rahmen des Symposiums \u00bbWie Gewalt heute denken?\u00ab<\/p>\n<p>Indem er in seiner Antwort auf Einstein Recht mit Gewalt verbindet, kommt Freud, nach Totem und Tabu und der urspr\u00fcnglichen Mordtat, auf die fundamentale Frage nach dem sozialen Band zur\u00fcck, auf die Gewalt, die es gleichzeitig begr\u00fcndet und bedroht, sowie auf das, was sie reguliert. Aber was ist die Natur dieser Gewalt? Ist es eine oder sind es mehrere? Wenn nach Freud der Zusammenschluss einer Gruppe immer auf dem Ausschluss einer anderen beruht, die den ganzen Hass polarisiert, wie steht es dann heute, in Zeiten der Globalisierung, wo die Grenzen und Traditionen uns nicht mehr vom Anderen trennen; in diesen Zeiten, wo man sich vermischt, wo sich der wachsende Individualismus paradoxerweise auf einen K\u00f6rper bezieht, der als ein organisches Material begriffen wird, als Kanonenfutter der modernen Kriege, wo die Unterscheidung von milit\u00e4rischer und ziviler Funktion \u2013 sich einer Intuition Walter Benjamins f\u00fcgend \u2013 subvertiert wird?<\/p>\n<p>01. Juni 2017 Monika Englisch und Sanja Hodzic, \u00bbDer K\u00f6rper als Vermittler unbewusster Botschaften im transkulturellen Dialog\u00ab<\/p>\n<p>Mit dem K\u00f6rper f\u00fchlen wir uns in die Welt ein, er ist vor dem Hintergrund der Dynamik von Flucht- und Migrationsbewegungen wie auch der Hybridisierung unserer Gesellschaften ein sich st\u00e4ndig wandelnder Ort gesammelter Erfahrungen mit dem Selbst, dem Sozialen und dem Kulturellen. Die Einschreibungen der Gesellschaft und Kultur in den K\u00f6rper gewinnen in unseren Behandlungszimmern zunehmend an Bedeutung \u2013 sie warten als \u00bbBotschaften des K\u00f6rpers\u00ab darauf, in der Begegnung mit dem Anderen eine Bedeutung zu finden. Wir gehen aus der Perspektive der Theorie und der klinischen Erfahrung im Vortrag der Frage nach, wie sich die kulturelle Dimension der Identit\u00e4t unserer Patienten und unsere eigene in der analytischen Beziehung begegnen. Den unbewussten Botschaften des K\u00f6rpers kommt in diesem Dialog eine besondere Bedeutung zu.<\/p>\n<p>15. Juni 2017 Thomas Macho \u2013 Niemandsland, Todesstreifen, Tr\u00e4neninsel: Zur Entstehungsgeschichte der Nicht-Orte zwischen den Grenzen<\/p>\n<p>Ausgehend von Marc Aug\u00e9s Theorie der Nicht-Orte soll die Geschichte der \u00dcbergangszonen zwischen den Staatsgrenzen nachgezeichnet werden. Einerseits wird es dabei um Prozesse der Institutionalisierung (Registrierung, Namensgebung, medizinische Untersuchung, Ausstellung von Dokumenten usw.) gehen, andererseits um die Auspr\u00e4gung imagin\u00e4rer Zuschreibungen (des Todes, der Passage, des Unbewussten), die mit psychoanalytischen Theorien und Begriffen kommentiert werden soll.<\/p>\n<p>29. Juni 2017 Liliana Ruth Feierstein, \u00bb\u201aFreud und Marx: wir verzichten auf keinen von beiden!\u2019 Deutschsprachige Psychoanalytiker im lateinamerikanischen Exil\u00ab<\/p>\n<p>13. Juli 2017 Susanne L\u00fcdemann, \u00bb\u201aDenn das Ich kann sich nicht selbst entfliehen&#8230;\u2019 (Freud mit Arendt \/ Arendt mit Freud)\u00ab<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Anthropologie, die davon ausgeht, dass Menschen sesshaft sein wollen, und eine Identit\u00e4tspolitik, die die Frage, wer wir sind, mit der verkn\u00fcpft, woher wir kommen, m\u00fcssen gegenw\u00e4rtige und vergangene Migrationsbewegungen als Ph\u00e4nomene wahrnehmen, die verbunden sind mit Mangel und Konflikt, Gef\u00e4hrdung und Gefahr.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1094,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1093"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1093"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1093\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2495,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1093\/revisions\/2495"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}