{"id":2795,"date":"2022-02-07T15:58:16","date_gmt":"2022-02-07T14:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/?p=2795"},"modified":"2026-07-16T13:58:35","modified_gmt":"2026-07-16T11:58:35","slug":"eingreifendes-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/eingreifendes-schreiben\/","title":{"rendered":"Eingreifende Schreibweisen"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend in g\u00e4ngigen Genreverst\u00e4ndnissen der tastende, im w\u00f6rtlichen Sinne versuchende Charakter des Essays betont wird, untersucht die Arbeit dezidiert eingreifende Schreibweisen des Essays in den Werken von Joan Didion und Audre Lorde. Die Arbeit analysiert diese essayistischen Eins\u00e4tze in der Verbindung von kulturtheoretischen Lekt\u00fcren und detaillierten Textanalysen als kontextgebundene kulturelle Praktiken, die in der Verschr\u00e4nkung von \u00e4sthetischen, epistemischen, politischen, ethischen und affektiven Achsen gesellschaftliche Wahrnehmungsformationen pr\u00e4gen, irritieren, transformieren oder auch fixieren. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Lorde und Didion in ihren essayistischen Texten \u00fcber Andere schreiben, wie diese inszeniert und adressiert werden, und welche politischen und ethischen Implikationen diese Schreibweisen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit der Untersuchung von Lordes und Didions Essays werden zwei h\u00f6chst differente Konfigurationen des eingreifenden Schreibens bestimmt. Didions Essays werden als h\u00e4ufig verdeckt und durch \u00e4sthetisch vermittelte, aber subkutan politisch arbeitende Textkonstellierungen beschrieben. \u00dcber essayistische Formen der Szenen- und Bildmontage, der \u00e4sthetischen Partikularisierung und Kontrolle, der rhetorischen Entpolitisierung und der affektiven Austerit\u00e4t inszenieren die Texte gesellschaftliche Wirklichkeit auf eine Weise, die deren Lesbarkeit an ideologische Setzungen bindet. Das Eingreifen der Essays vollzieht sich mehrheitlich nicht \u00fcber explizite Argumentationen und Interventionen, sondern \u00fcber die \u00e4sthetische Strukturierung von Wahrnehmung, \u00fcber Auslassungen und implizite Deutungen \u2013 nicht zuletzt dar\u00fcber, was \u00fcberhaupt als repr\u00e4sentationsw\u00fcrdig und politisch gilt. W\u00e4hrend die Schreibweise einer inszenierten Distanz aus gender- und empathietheoretischer Perspektive als bedeutsame Setzung lesbar ist, zeigt die Arbeit die ethischen Grenzen dieser insbesondere dort, wo beschriebene Andere als solche fixiert, aber einem textlichen Antwortverh\u00e4ltnis entzogen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Audre Lordes essayistisches Werk wird dagegen eine offensive, aber relational adressierende Schreibweise des Eingreifens argumentiert, die auf Transformation ausgerichtet ist. Die essayistischen Schreib- und Redeformen Audre Lordes zeichnen sich durch sowohl kritisch anklagende und konfrontative als auch durch f\u00fcrsorgliche, Gesellschaftsbeziehungen und Zukunft entwerfende Formen der Ansprache und Anrufung Anderer aus. Darin werden marginalisierte Wissens- und Gef\u00fchlsbest\u00e4nde ins Recht gesetzt und neu codiert. Weiterhin k\u00f6nnen politische, epistemische, affektive wie relationale Transformationsbewegungen als zentrale Elemente von Lordes Eingreifen deutlich werden. Lordes Schreibweisen des Gef\u00fchls gilt ein besonderes Augenmerk, insbesondere der Wut Schwarzer Frauen, sowie Lordes essayistischen Formen des Gedenkens und der F\u00fcrsprache. Es wird gezeigt, dass Lorde in diesen verschiedenen Formationen zum einen eine eigene chronopolitische Verzahnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwirft, daneben textuell eine Form der Relationalit\u00e4t herstellt, die als eine auf Andere gerichtete Ethik der Ansprache lesbar ist.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der Nebeneinanderstellung von Lorde und Didion entwickelt die Arbeit sowohl zwei \u00e4u\u00dferst unterschiedliche Paradigmen des eingreifenden Schreibens als auch ein pluralisiertes Genreverst\u00e4ndnis des Essays. Die Dissertation leistet damit einen Beitrag sowohl zur Erforschung von \u00c4sthetiken, Politiken und Ethiken des Schreibens an und \u00fcber Andere als auch zur Essayforschung. In Bezug auf Letztere werden eurozentrische und normativ verengte Gattungsverst\u00e4ndnisse befragt, marginalisierte Essayformen gleichrangig in den Genrediskurs eingeschrieben und der Essay als kulturelle Praxis des Eingreifens neu perspektiviert.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in g\u00e4ngigen Genreverst\u00e4ndnissen der tastende, im w\u00f6rtlichen Sinne versuchende Charakter des Essays betont wird, untersucht die Arbeit dezidiert eingreifende Schreibweisen des Essays in den Werken von Joan Didion und Audre Lorde. 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