{"id":2795,"date":"2022-02-07T15:58:16","date_gmt":"2022-02-07T14:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/?p=2795"},"modified":"2025-06-11T19:55:13","modified_gmt":"2025-06-11T17:55:13","slug":"eingreifendes-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/eingreifendes-schreiben\/","title":{"rendered":"Eingreifendes Schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Das Dissertationsprojekt untersucht essayistisches Schreiben nordamerikanischer Autorinnen in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts als kulturelle Praxis und aisthetisch-diskursive Intervention.<\/p>\n<p>Essayistisches Denken und Schreiben wird gemeinhin als undiszipliniert, demokratisch, antinormativ und darin genuin kritisch verstanden. Doch kann eine Form an und f\u00fcr sich kritisch sein? Welche Bedeutung haben die historisch und kulturell spezifischen Kontexte, in denen Essays geschrieben und rezipiert werden? Wer wird als Autor:in und \u00f6ffentliche:r Intellektuelle:r anerkannt?<\/p>\n<p>Eine literatur- und sozialhistorische Analyse der Form(-ung) des Essays soll zum einen zeigen, dass die Idee und das kritische Ideal des Essays seit seinen Anf\u00e4ngen bei Montaignes Essais (1580) meist diametral im Gegensatz zu seiner tats\u00e4chlichen Materialisierung als exklusives Genre einer eurozentrischen \u00bbMaleness of reason\u00ab stand. Der Umriss einer korrigierenden Genealogie der epistemischen und sozialen Ausschl\u00fcsse des Essays dient zum anderen als Fundament f\u00fcr die Erforschung und Kontextualisierung von deren Bruchstellen, Gegenbewegungen und von anderen Formen des essayistischen Denkens und Schreibens.<\/p>\n<p>Denn ab den 60er Jahren eigneten sich nordamerikanische Autor:innen den Essay verst\u00e4rkt an, nutzten ihn als Medium der Gesellschaftsdiagnostik, der Kulturkritik, der sozio-kulturellen Intervention und entwickelten eigene \u00c4sthetiken des Faktualen. Insbesondere weibliche und afroamerikanische Autor:innen setzten den Essay als Medium der politischen Selbstautorisierung und der literarischen Neuverhandlung von kulturellem Wissen, weiblicher und minorit\u00e4ter Subjektivit\u00e4t und Positionalit\u00e4t und bis dato essayfernen Themen ein.<\/p>\n<p>In Analysen der Essays von Joan Didion, Audre Lorde, Susan Sontag, Alice Walker, Elizabeth Hardwick und Toni Morrison kann die Variabilit\u00e4t eines Essaysismus als kulturelle Praxis und Arbeit aufgezeigt werden. Diese sind im kulturellen, epistemischen und soziopolitischen Kontext zwischen kaltem Krieg, Jugend- und Protestbewegungen, Desegregationsdebatten und neuen Wissens- und Publikationsformen zu verstehen. Zudem k\u00f6nnen neue essayistische Poetiken konzeptionalisiert werden, die zwischen den Feldern Literatur, Journalimsus, Episteme und Aktivismus vermitteln, auf autoethnographische und bezeugende Methoden zur\u00fcckgreifen und nicht zuletzt dem Leiblichen einen entscheidenden Platz zueignen.<\/p>\n<p>Als weiblich gelesene und rassifizierte K\u00f6rper stellten lange Zeit das konstitutive Andere des Essays dar, das nun auf unterschiedliche Weise in der Gattung auftaucht: als Linse und Speicher von Gesellschaftskritik, als ph\u00e4nomenologische Perspektivierung, in pathographischen Erkundungen, als Politikum in Quasi-Pamphleten \u2013 oder als bewusste Leerstelle. Eine Analyse der verschiedenen essayistischen Textk\u00f6rper kann die tradierten Grenzen des epistemischen Genres des Essays und die Annahmen \u00fcber die Beziehung zwischen dem (weiblichen) K\u00f6rper, intellektueller Analyse und faktualer \u00c4sthetik neu ausloten. Nicht nur sich ver\u00e4ndernde Repr\u00e4sentationen und die Spuren von, und Widerst\u00e4nde gegen, hegemoniale Epistemologien des sozial und geschlechtlich markierten K\u00f6rpers k\u00f6nnen aus den Texten destilliert werden. Auch lassen sich anhand der Texte alternative Entw\u00fcrfe und Signaturen ausloten, in denen der K\u00f6rper als ein Ort und Medium des Wissens, der Visibilisierung, der \u00e4sthetischen Erfahrung, der K\u00f6rperpolitik \u2013 des Ein-greifens \u2013 fungiert.<\/p>\n<p>Zuletzt werden anhand der untersuchten Essayist:innen der Wandel von Einfluss, Rolle und der Figur von weiblichen public intellectuals in der Zeit des kalten Krieges sichtbar. Die spezifisch amerikanische Figur der Essayistin als kulturelle Figuration und Fantasie verbindet sich hier mit transnationalen Krisenph\u00e4nomenen und Emanzipationsbewegungen, Kanonisierungsprozessen und der sozialen (im-)mobilit\u00e4t von intellektuellen Sprech- und Adressierungspositionen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dissertationsprojekt untersucht essayistisches Schreiben nordamerikanischer Autorinnen in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts als kulturelle Praxis und aisthetisch-diskursive Intervention. Essayistisches Denken und Schreiben wird gemeinhin als undiszipliniert, demokratisch, antinormativ und darin genuin kritisch verstanden. Doch kann eine Form an und f\u00fcr sich kritisch sein? Welche Bedeutung haben die historisch und kulturell spezifischen Kontexte, in denen Essays geschrieben und rezipiert werden? 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