{"id":28,"date":"2016-11-13T01:43:03","date_gmt":"2016-11-13T00:43:03","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost:8888\/hu\/?p=28"},"modified":"2022-06-09T00:04:31","modified_gmt":"2022-06-08T22:04:31","slug":"fremde-welten-des-geschmacks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/fremde-welten-des-geschmacks\/","title":{"rendered":"Jenseits des guten Geschmacks"},"content":{"rendered":"<p>Der Geschmack gilt heute als einer der zentralen Begriffe der \u00c4sthetik, in der ihm, losgel\u00f6st von politischen, \u00f6konomischen, aber auch k\u00f6rperlichen Notwendigkeiten und Interessen, eine freie und egalit\u00e4re Beurteilungsgabe zugesprochen wird. Der solcherma\u00dfen befreite \u203am\u00fcndige\u2039 Geschmack setzt dabei jedoch eine spezifische Konfiguration der Sinnlichkeit und des Genie\u00dfens, ihrer \u00dcbung, ihrer Mitteilung und Inszenierung voraus, der es nachzugehen gilt.<\/p>\n<p>Wie findet das neuzeitliche Subjekt, ausgehend von seinen kulinarischen Praktiken, zu einer \u203am\u00fcndigen\u2039 Existenzweise? Wie, in welchen Kontexten und warum entwickeln sich der Geschmack und die Praxis des Schmeckens seit dem 17. Jahrhundert zu einer der zentralen Selbsttechniken eines neuen Weltb\u00fcrgertums? Diese Fragen stehen im Zentrum des Dissertationsprojektes \u00bbJenseits des guten Geschmacks. Transformationen kulinarischer Sinnlichkeit\u00ab, das Stephan Zandt im Rahmen des SFB 644 Transformationen der Antike bearbeitet.<\/p>\n<p>Mit der Entdeckung der Neuen Welt kommen neue, exotische Leckereien nach Europa. Kaffee, Tee oder Schokolade dienen beileibe nicht dazu, den Magen zu f\u00fcllen. Deren \u00f6ffentliche, geschmacksichere und genussvolle Konsumtion in Salons und Kaffeeh\u00e4usern erweist sich vielmehr als konstitutiv-gesellige Praxis eines neuen geschmackvollen, weltb\u00fcrgerlichen Selbstverst\u00e4ndnisses. In den Entw\u00fcrfen einer Geschichte der Menschheit von Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant oder Georg Foster spielt der Geschmack eine entscheidende Rolle, unverkennbar ist der Bezug zu antiken Kulturentstehungsmythen und der biblischen Genesis. Der Geschmack dient den Autoren auch dazu, sich von den neu entdeckten Kulturen abzugrenzen und eine Grenzlinie zwischen \u203aNatur\u2039 und \u203aKultur\u2039, zwischen Mund und Magen zu ziehen. Wie wird diese Grenze entworfen und dramatisiert und in welcher Weise transformiert sie ihren antiken Referenzbereich? Welche Subjektivierungsformen sind mit der \u00dcbung des Schmeckens und dem Ausweis des Geschmacks verbunden? Welche Rolle spielt die eminente Fremdheitserfahrung, die mit den exotischen Gen\u00fcssen verbunden ist? Und nicht zuletzt: Wie sieht es mit dem au\u00dfereurop\u00e4ischen Mund und Schlund, dem Geschmack und der K\u00fcche derer aus, die nur zu oft als \u203ageschmacklose\u2039 Kontrastfolie f\u00fcr den guten \u203aeurop\u00e4ischen Geschmack\u2039 herhalten m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Das Projekt versteht hierin die kulturwissenschaftliche \u00c4sthetik als eine kulturwissenschaftlich informierte Frage nach den Konfigurationen sinnlicher Erkenntnis und Wahrnehmung, ebenso wie nach den aisthetischen Ordnungen, Gegenst\u00e4nden, den Praktiken und \u00dcbungen, den Machtverh\u00e4ltnissen, Gewalt- und Herrschaftsformen innerhalb derer sie sich allererst herausbilden.<\/p>\n<p>Abbildung:<br \/>\nAbraham Bosse, Les Cinq Sens, 1635\u201338, Kupferstich, 26,3 x 33,1 cm.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Geschmack gilt heute als einer der zentralen Begriffe der \u00c4sthetik, in der ihm, losgel\u00f6st von politischen, \u00f6konomischen, aber auch k\u00f6rperlichen Notwendigkeiten und Interessen, eine freie und egalit\u00e4re Beurteilungsgabe zugesprochen wird.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2945,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2470,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28\/revisions\/2470"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aesthetik.hu-berlin.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}