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Bildverhältnisse

(DE) Die Dauerpräparate der Ethologie

Im deutschen Sprachraum entwickelte sich die Ethologie, die Klassische Vergleichende Verhaltensforschung, nach dem Ersten Weltkrieg zu einer eigenständigen Forschungsrichtung in der Biologie, die zum einen – im Unterschied zum Behaviorismus und Vitalismus – Verhalten auf angeborene Instinkte zurückführte und im Anschluss an Darwin evolutionsbiologisch begründete. Zum anderen verglichen ihre Vertreter aufgrund der unterstellten Vererbbarkeit solcher Verhaltensweisen das Verhalten verwandter Arten in ähnlicher Weise miteinander, wie Anatomen anatomische Merkmale miteinander vergleichen. Der Zielpunkt derartiger Vergleichsstudien waren dabei nicht nur rein biologische Klassifizierungsaufgaben. Ihre Relevanz wurde u.a. stets mit ihrem Beitrag zur philosophischen Anthropologie und Ethik begründet. Die Ethologie suchte in der Beobachtung von artenübergreifendem Verhalten, universelle biologische Grundverhaltensweisen des Seins oder auch die »Menschennatur« auf, die zum Beispiel in der soziopolitischen Anwendung Orientierung für soziale Regulierungsmaßnahmen bieten sollte. Das Material der vergleichenden Verhaltensforschung war dabei das Nicht-Menschliche. Tiere, Primaten, indigene Völker, aber auch bio-chemische Prozesse in der Botanik sowie der mineralischen Welt.
Das Forschungsprojekt widmet sich dem bildlichen Fundament der Vergleichenden Verhaltensforschung, das sich im Spannungsfeld zwischen phänomenologischen und strukturalistischen Bildkonzeptionen situiert. Das Material der wissenshistorischen Untersuchung sind ethologische Fotografien, Filme, Grafiken und Skizzen, die die Genese der klassischen Vergleichenden Verhaltensforschung nachzeichnen und zugleich deren Wissensobjekte darstellen. Im Kern der medienwissenschaftlich fundierten Untersuchung steht die konstitutionelle epistemische Unschärfe der vergleichenden Bildpraxis der Ethologie. In den naturwissenschaftlichen Forschungsberichten der Protagonisten rund um Konrad Lorenz, Nikolaas Tinbergen, Günter Tembrock und weiteren lässt sich der Widerstreit einer auf die Wahrnehmung von Gestalt abzielenden »reinen Beobachtung« von Bildern versus ihrer topologischen Festsetzung, Vermessung und Verrechnung zum Zweck des Bildvergleichs beobachten. Im Projekt der Ethologie schwankt der Bildvergleich entsprechend zwischen dem Sehen einer Form als Gestalt und einer Form als Struktur. Anknüpfend an die Behauptung, dass sich aus der Beobachtung der Phänomene der Welt eine infrastrukturelle Systematik herleiten lässt, werden in der Forschungspraxis der Ethologie auch Bildern unterliegende Gefüge und infrastrukturelle Zusammenhänge zugeschrieben und in graphische Argumentationen überführt. Es gilt, diesen Bildern grammatologische, ästhetische sowie medienphilosophische Fragen zu stellen und die Rolle derart diagrammatisch operierender Bilder für die Ausformulierung einer medialen Anthropologie wissenshistorisch plausibel zu machen.

Abbildung:
Lorenz, Konrad: Tabelle. Aus: Ders.: Vergleichende Bewegungsstudien an Anatinen
(1941). In: Ders.: Über tierisches und menschliches Verhalten, Band 1. Berlin [u.a.]:
Deutsche Buch-Gemeinschaft 1965, S. 113.