Abbildung 23, In: Charles S. Peirce, Semiotische Schriften. Band 3: 1906 - 1913, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000

Sémiologie à venir

Symbolon und Gabe: ein strukturalistisches Déjà-vu mit der Ethik

Das kulturtheoretische Interesse der Arbeit gilt den ästhethischen Grundlagen der modernen Semiotik, wobei Ästhetik zunächst im Sinne der aísthēsis als Theorie der Wahrnehmung verstanden wird. Die ästhethischen Grundlagen der Semiotik werden jedoch weder in den begriffs- oder ideengeschichtlichen Ursprüngen einer Saussure’schen Linguistik gesucht, noch in der (transzendentalen) Begründung einer Peirce’schen Semiotik, die im Anschluss an Apels Peirce-Rezeption im deutschsprachigen Raum immer wieder als Transformation der Kant’schen Transzendentalen Logik und der dieser systematisch nebengeordneten Transzendentalen Ästhetik verhandelt wird. Vielmehr geht es um die Frage, welche Aspekte der Wahrnehmung bei der Konstituierung der modernen Semiotik als Wissenschaft und im Zuge ihrer fortschreitenden Institutionalisierung auf der Ebene ihrer zeichentheoretischen Fundierung ausgeschlossen werden. Als zentral wird hier das Problem der Referenz angesehen, das bereits über die Art und Weise, wie es als solches (d. h. als semiotisches Problem) erfasst wird, zum Schibboleth zweier Zeichentheorien wird, indem sich der einzelne Semiotiker entweder als Anhänger einer auf Charles Sanders Peirce zurückgehenden semiotischen Tradition oder als Anhänger einer auf Ferdinand de Saussure zurückgehenden semiologischen Tradition zu erkennen gibt.

Die Foucault’sche Unterscheidung zwischen der Begründung einer (positiven) Wissenschaft und der Begründung einer Diskursivität aufgreifend, wird die Geschichte der modernen Semiotik unter dem ästhethischen Aspekt ihrer Inszenierung als Wissenschaft befragt. So geht es zum einen um die Ästhethik einzelner semiotischer Theorien, die über ihre diagrammatische und formelhafte, an anderen Wissenschaften ausgerichtete Darstellung, ein bestimmtes Bild von Wissenschaftlichkeit transportieren. Zum anderen geht es um das wiederkehrende Motiv einer Rückkehr zu und eines Rekurses auf eine Art Gründungsmythos (die Pariser Konferenz von 1969), der die Semiotik zu einer Zusammenführung zweier zeichentheoretischen Traditionslinien verklärt. Diese Zusammenführung geht nicht nur mit der »Gefahr ärgerlicher Mehrdeutigkeit« (Jakobson) etwa des Begriffs ›Symbol‹ einher, sondern bedeutet gewissermaßen auch das Ende der Semiologie, die in der Semiotik aufgeht, dabei jedoch (aufgrund der ausgeklammerten, marginalisierten oder verdrängten Frage der Referenz) als ›bloße‹ Textsemiotik keinen Bezug zu einer außersprachlichen Wirklichkeit habe.

Ziel der Arbeit ist es, den widersprüchlichen und widerständigen Elementen der modernen Semiotik in denjenigen Theorien aus dem erweiterten Umfeld des (Post-) Strukturalismus nachzugehen, die selbst bei der Konstituierung der Semiotik als Wissenschaft ausgeschlossen wurden. Die Arbeit kann selbst als ästhetisierend verstanden werden, insofern sie nicht einfach nur die Geste einer Rückkehr-zu wiederholt, sondern an die Bestimmung der Semiologie als einer zukünftigen Wissenschaft erinnert, »welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht« (Saussure). Als zukünftige Wissenschaft oder vielmehr als
Wissenschaft im Kommen (à venir), wie man mit Derrida sagen müsste, soll die Semiologie mit der Aufgabe konfrontiert werden, Aspekte der Wahrnehmung zu erfassen, die wesentlich zum (sozialen) Leben des Menschen gehören.

Charles S. Pierce: Abbildung 23 © Charles S. Peirce, Semiotische Schriften. Band 3: 1906–1913 / Suhrkamp Verlag 2000.