Verhaltenswissen

Zwischen Ethos und Programm – Schreib- und Beobachtungsszenen des Verhaltens

Ausgehend von Vorstudien zur Bildpraxis der Vergleichenden Verhaltensforschung und den Beobachtungsfilmen und -berichten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit entwickelt das Promotionsprojekt eine Ideen- und Diskursgeschichte des Wissens vom Verhalten. In diesen disziplinär durchaus disparaten Wissensfeldern ist eine spezifische Methodologie zur Beschreibung, Aufzeichnung und Bewertung von Verhalten vorzufinden, die auf ein Dispositiv des Verhaltens zurückzuführen wäre, für welches bislang noch keine historisch-systematische Untersuchung vorliegt.

Das Interesse des machtkritischen Forschungsprojektes liegt dabei in einer Auslegung dieses Verhaltenswissens als dezidiertes Werkzeug einer Zukunftsprognose und Gefahrenvorsorge; als eine Wissensform, die aus einer Krisensituation heraus entsteht oder dieser vorbeugend entgegentritt. Grundlegend ist dabei die Forschungsthese, dass das Verhalten immer schon Gegenstand seiner Beobachtung und der mit ihr verbundenen ästhetischen Verfahren zur Herstellung von (deviantem) Verhalten ist.

Das spezifische Interesse einer wissenshistorischen Untersuchung wären dabei die medialen und poetologischen Verfahren, in denen das streitbare Wissen vom Verhalten jeweils hervorgebracht wird. Zentrales Anliegen der kulturwissenschaftlich angelegten Arbeit ist es, das Dispositiv des Verhaltenswissens nicht ausschließlich vermittels Überlieferungen der Biologie zu beschreiben, sondern beispielsweise das Feld der Psychologie, Soziologie, der Ethnologie ebenso wie der Ökonomie für die Untersuchung fruchtbar zu machen.

Der erste Ankerpunkt des Promotionsprojektes ist eine paradigmatischen Schreib- und Beobachtungsszene des Verhaltens, in der das disziplinarische Potential des Wissens um das Verhalten, seine sozialpolitische Sprengkraft sowie seine Bedingtheit durch materielle Kulturen und mediale Verfahren auf originäre Weise zu Tage tritt. Gegenstand der Untersuchung ist der wissenschaftliche Nachlass des Verhaltensbiologen Günter Tembrock (1918–2011) am Zoologischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, auf den unter anderem die Gründung der ersten Forschungsstätte für Tierpsychologie im Jahr 1948, die Konzeption der Bioakustik sowie das umfangreiche Tierstimmenarchiv des Museums für Naturkunde Berlin zurückgehen. 

Das Promotionsprojekt stützt sich entsprechend auf Literatur aus der Biologie, Psychologie, Kulturwissenschaft, Literatur-, Medien- und Wissensgeschichte. Zudem bearbeitet es im Wesentlichen Quellenmaterial (Schriftgut, Fotografien, Filme und Tondokumente) aus dem bislang noch unerschlossenen Nachlass von Günter Tembrock, welcher heute in den Räumen des Museums für Naturkunde Berlin verwahrt wird.

Abbildung:
Lorenz, Konrad: Tabelle. Aus: Ders.: Vergleichende Bewegungsstudien an Anatinen (1941). In: Ders.: Über tierisches und menschliches Verhalten, Band 1. Berlin [u.a.]: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1965, S. 113.