Zwischen Ethos und Programm

Theorieszenen einer Geschichte des Verhaltenswissens

Ausgehend von Vorstudien zur Bildpraxis der Vergleichenden Verhaltensforschung und den Beobachtungsfilmen und -berichten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit entwickelt das Promotionsprojekt eine Ideen- und Diskursgeschichte des Wissens vom Verhalten. In diesen disziplinär durchaus disparaten Wissensfeldern ist eine spezifische Methodologie zur Beschreibung, Aufzeichnung und Bewertung von Verhalten vorzufinden, die auf ein Dispositiv des Verhaltens zurückzuführen wäre, für welches bislang noch keine historisch-systematische Untersuchung vorliegt.

Das Interesse des machtkritischen Forschungsprojektes liegt dabei in einer Auslegung dieses Verhaltenswissens als dezidiertes Werkzeug einer Zukunftsprognose und Gefahrenvorsorge; als eine Wissensform, die aus einer Krisensituation heraus entsteht oder dieser vorbeugend entgegentritt. Grundlegend ist dabei die Forschungsthese, dass das Verhalten immer schon Gegenstand seiner Beobachtung und der mit ihr verbundenen ästhetischen Verfahren zur Herstellung von (deviantem) Verhalten ist.

Entsprechend zeichnet sich in den jeweiligen Konzeptionen des Verhaltens ‚zwischen Ethos und Programm‘ ein fortwährender Streit um die Besitznahme des Verhaltens ab, welches entweder als Teil von Körpern definiert ist oder vielmehr als zu beschreibendes Phänomen verstanden wird und sich beispielsweise innerhalb anthropologischer Diskurse ausschließlich als Zuordnung oder im Zubilligen ereignet. Aufgrund seines technokratischen Potentials ist das Wissen vom Verhalten folglich einerseits Gegenstand von Regierung und Verwaltung, impliziert andererseits aber auch das Wissen des Individuums um sein eigenes Verhalten. Die in den jeweiligen Theoretisierungen eingeforderte oder abgestrittene Reflexivität des Verhaltens müsste also als Teil seiner Gouvernementalität aufgefasst werden.

Das spezifische Interesse einer kulturwissenschaftlichen Ästhetik wäre dabei die im Begriff der Theorieszene anklingende Behandlung der ästhetischen Verfahren, in denen das streitbare Wissen vom Verhalten jeweils hervorgebracht wird. Zentrales Anliegen der kulturwissenschaftlich angelegten Arbeit ist es, das Dispositiv des Verhaltenswissens nicht ausschließlich vermittels Überlieferungen der Biologie zu beschreiben, sondern das Feld der Psychologie, Soziologie, der Ethnologie ebenso wie der Stadtplanung und der Ökonomie für die Untersuchung fruchtbar zu machen.

Abbildung:
Lorenz, Konrad: Tabelle. Aus: Ders.: Vergleichende Bewegungsstudien an Anatinen (1941). In: Ders.: Über tierisches und menschliches Verhalten, Band 1. Berlin [u.a.]: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1965, S. 113.