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Fotografisches Gedächtnis

Shoah und Lynching

In seinem Dissertationsprojekt »Fotografisches Gedächtnis« (AT) untersucht Jan Mollenhauer die genealogische Verschränkung von Shoah und Lynching in visuellen afroamerikanischen Gedächtniskonfigurationen. Zwischen 1865, dem Ende der Sklaverei in Nordamerika, und den 1940er Jahren werden bei informellen Hinrichtungen durch Lynchmobs Fotografien angefertigt, die sowohl in weißen wie auch in afroamerikanischen Communities als Ikonen der Gewalt, u.a. in Form von Postkarten zirkulieren. 1945 fertigen Soldaten nach der Befreiung Ende April 1945 Fotos an, die afroamerikanische GIs der segregierten US-Armee im KZ Buchenwald zeigen. In diesen Fotos, so legt sein Projekt dar, überlagern sich Erinnerungen an Sklaverei und Segregation mit der bildlichen Erfahrung des Holocaust. Mit Theorien eines »multidirektionalen Gedächtnisses« (Michael Rothberg) argumentiert Jan Mollenhauer, wie Erinnerungen an Gräuel nicht kompetitiv wirken, sondern relational zueinander stehen. Er geht der Frage nach, wie sich Betrauerbarkeit in diesen Fotos visualisiert und wie das in Verbindung steht mit Trauer und Bestattung in der Geschichte des Lynchens.
Die Erfahrung der Shoah, so wird weiter argumentiert, führt zu einem »postcolonial turn« im politischen Aktivismus. Der vor allem in den Südstaaten der USA erfahrene Rassismus wird nicht mehr als idiosynkratisch-national, sondern als transnational-kolonial begriffen. Die in Deutschland lebenden afroamerikanischen GIs und ihre ebenso bildlich dokumentierten Erfahrungen sowie die Virulenz, mit der das Phänomen der sogenannten »Brown Babies«, also Kindern von afroamerikanischen Vätern und weißen Müttern, behandelt wird, bilden für diese transnationale Erinnerungsmigration den Hintergrund.

Dadurch wird im Dissertationsprojekt ein latentes Bildwissen erforscht, das marginale ästhetische Praktiken als »bodies of knowledge« rehabilitiert. Das ikonische Wissen der Bilder steht in enger Verbindung mit diskursiven Formationen von Epistemen.

Zudem erzählt Jan Mollenhauer mit dem Projekt die Geschichte einer anderen Holocaust-Erinnerung, die ihre koloniale und postkoloniale Dimension reflektiert und somit eine alternative Erzählung früher »Vergangenheitsbewältigung« darstellt.

 

Abbildung:
William Alexander Scott III.: George Patton (Vordergrund, links) spricht mit Omar Bradley (Mitte) im ehemaligen Zwangsarbeitslager Ohrdruf bei Buchenwald, afroamerikanischer Soldat im Hintergrund, April 1945, Bundesarchiv der USA (NARA), ID: 111-SC-442154.