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Fremde Welten des Geschmacks

Eine Transformationsgeschichte

Der Geschmack gilt heute als einer der zentralen Begriffe der Ästhetik, in der ihm, losgelöst von politischen, ökonomischen, aber auch körperlichen Notwendigkeiten und Interessen, eine freie und egalitäre Beurteilungsgabe zugesprochen wird. Der solchermaßen befreite ›mündige‹ Geschmack setzt dabei jedoch eine spezifische Konfiguration der Sinnlichkeit und des Genießens, ihrer Übung, ihrer Mitteilung und Inszenierung voraus, der es nachzugehen gilt.

Wie findet das neuzeitliche Subjekt, ausgehend von seinen kulinarischen Praktiken, zu einer ‚mündigen‘ Existenzweise? Wie, in welchen Kontexten und warum entwickeln sich der Geschmack und die Praxis des Schmeckens seit dem 17. Jahrhundert zu einer der zentralen Selbsttechniken eines neuen Weltbürgertums? Diese Fragen stehen im Zentrum des Dissertationsprojektes »Fremde Welten des Geschmacks. Eine Transformationsgeschichte zwischen Mund und Magen«, das Stephan Zandt im Rahmen des SFB 644 Transformationen der Antike bearbeitet.

Mit der Entdeckung der Neuen Welt kommen neue, exotische Leckereien nach Europa. Kaffee, Tee oder Schokolade dienen beileibe nicht dazu, den Magen zu füllen. Deren öffentliche, geschmacksichere und genussvolle Konsumtion in Salons und Kaffeehäusern erweist sich vielmehr als konstitutiv-gesellige Praxis eines neuen geschmackvollen, weltbürgerlichen Selbstverständnisses. In den Entwürfen einer Geschichte der Menschheit von Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant oder Georg Foster spielt der Geschmack eine entscheidende Rolle, unverkennbar ist der Bezug zu antiken Kulturentstehungsmythen und der biblischen Genesis. Der Geschmack dient den Autoren auch dazu, sich von den neu entdeckten Kulturen abzugrenzen und eine Grenzlinie zwischen ›Natur‹ und ›Kultur‹, zwischen Mund und Magen zu ziehen. Wie wird diese Grenze entworfen und dramatisiert und in welcher Weise transformiert sie ihren antiken Referenzbereich? Welche Subjektivierungsformen sind mit der Übung des Schmeckens und dem Ausweis des Geschmacks verbunden? Welche Rolle spielt die eminente Fremdheitserfahrung, die mit den exotischen Genüssen verbunden ist? Und nicht zuletzt: Wie sieht es mit dem außereuropäischen Mund und Schlund, dem Geschmack und der Küche derer aus, die nur zu oft als ›geschmacklose‹ Kontrastfolie für den guten ›europäischen Geschmack‹ herhalten müssen?

Das Projekt versteht hierin die kulturwissenschaftliche Ästhetik als eine kulturwissenschaftlich informierte Frage nach den Konfigurationen sinnlicher Erkenntnis und Wahrnehmung, ebenso wie nach den aisthetischen Ordnungen, Gegenständen, den Praktiken und Übungen, den Machtverhältnissen, Gewalt- und Herrschaftsformen innerhalb derer sie sich allererst herausbilden.

Abbildung:
Abraham Bosse, Les Cinq Sens, 1635–38, Kupferstich, 26,3 x 33,1 cm.