Eingreifende Schreibweisen

Die Essays von Joan Didion und Audre Lorde

Während in gängigen Genreverständnissen der tastende, im wörtlichen Sinne versuchende Charakter des Essays betont wird, untersucht die Arbeit dezidiert eingreifende Schreibweisen des Essays in den Werken von Joan Didion und Audre Lorde. Die Arbeit analysiert diese essayistischen Einsätze in der Verbindung von kulturtheoretischen Lektüren und detaillierten Textanalysen als kontextgebundene kulturelle Praktiken, die in der Verschränkung von ästhetischen, epistemischen, politischen, ethischen und affektiven Achsen gesellschaftliche Wahrnehmungsformationen prägen, irritieren, transformieren oder auch fixieren. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Lorde und Didion in ihren essayistischen Texten über Andere schreiben, wie diese inszeniert und adressiert werden, und welche politischen und ethischen Implikationen diese Schreibweisen haben.

Mit der Untersuchung von Lordes und Didions Essays werden zwei höchst differente Konfigurationen des eingreifenden Schreibens bestimmt. Didions Essays werden als häufig verdeckt und durch ästhetisch vermittelte, aber subkutan politisch arbeitende Textkonstellierungen beschrieben. Über essayistische Formen der Szenen- und Bildmontage, der ästhetischen Partikularisierung und Kontrolle, der rhetorischen Entpolitisierung und der affektiven Austerität inszenieren die Texte gesellschaftliche Wirklichkeit auf eine Weise, die deren Lesbarkeit an ideologische Setzungen bindet. Das Eingreifen der Essays vollzieht sich mehrheitlich nicht über explizite Argumentationen und Interventionen, sondern über die ästhetische Strukturierung von Wahrnehmung, über Auslassungen und implizite Deutungen – nicht zuletzt darüber, was überhaupt als repräsentationswürdig und politisch gilt. Während die Schreibweise einer inszenierten Distanz aus gender- und empathietheoretischer Perspektive als bedeutsame Setzung lesbar ist, zeigt die Arbeit die ethischen Grenzen dieser insbesondere dort, wo beschriebene Andere als solche fixiert, aber einem textlichen Antwortverhältnis entzogen werden.

Für Audre Lordes essayistisches Werk wird dagegen eine offensive, aber relational adressierende Schreibweise des Eingreifens argumentiert, die auf Transformation ausgerichtet ist. Die essayistischen Schreib- und Redeformen Audre Lordes zeichnen sich durch sowohl kritisch anklagende und konfrontative als auch durch fürsorgliche, Gesellschaftsbeziehungen und Zukunft entwerfende Formen der Ansprache und Anrufung Anderer aus. Darin werden marginalisierte Wissens- und Gefühlsbestände ins Recht gesetzt und neu codiert. Weiterhin können politische, epistemische, affektive wie relationale Transformationsbewegungen als zentrale Elemente von Lordes Eingreifen deutlich werden. Lordes Schreibweisen des Gefühls gilt ein besonderes Augenmerk, insbesondere der Wut Schwarzer Frauen, sowie Lordes essayistischen Formen des Gedenkens und der Fürsprache. Es wird gezeigt, dass Lorde in diesen verschiedenen Formationen zum einen eine eigene chronopolitische Verzahnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwirft, daneben textuell eine Form der Relationalität herstellt, die als eine auf Andere gerichtete Ethik der Ansprache lesbar ist.

In der Nebeneinanderstellung von Lorde und Didion entwickelt die Arbeit sowohl zwei äußerst unterschiedliche Paradigmen des eingreifenden Schreibens als auch ein pluralisiertes Genreverständnis des Essays. Die Dissertation leistet damit einen Beitrag sowohl zur Erforschung von Ästhetiken, Politiken und Ethiken des Schreibens an und über Andere als auch zur Essayforschung. In Bezug auf Letztere werden eurozentrische und normativ verengte Gattungsverständnisse befragt, marginalisierte Essayformen gleichrangig in den Genrediskurs eingeschrieben und der Essay als kulturelle Praxis des Eingreifens neu perspektiviert.